Wenn jemand zu nah kommt
Es gibt Menschen, bei denen weiß man genau, wer man sein soll. Erst fühlt sich das gut an und ist ja so schön bequem. Bis man merkt, dass man sich dabei selbst ein bisschen, oder ein bisschen mehr, aus den Augen verliert.
Verdammt bequem, diese Distanz
Manchmal kommt jemand einen Schritt zu nah, und man tritt sofort zurück. Nicht weil es sich unangenehm anfühlt. Sondern weil man genau spürt: Wenn ich jetzt nicht ausweiche, lande ich auf völlig unbekanntem Boden.
Man bricht das Gespräch ab, kurz bevor es wirklich ehrlich wird. Man stellt eine Frage, die man auf der Zunge hat, lieber nicht. Man lacht, statt zu sagen, was man denkt.
Wir haben Distanz perfektioniert. Sie sieht meistens aus wie Stärke. Aber in Wahrheit ist sie nur eines: verdammt bequem.
Wir spielen Rollen, bis uns selbst nicht mehr klar ist, wo das Theater anfängt und wo wir selber aufhören.
Bei ihm weiß sie immer, wer sie sein soll
Genau das mache ich gerade bei Patrizia und Phillip, den Figuren in meinem Roman SoCal Love. Sich anzupassen ist für die beiden so normal, dass sie es gar nicht mehr merken. Und erst recht nicht, für wen sie sich da eigentlich verbiegen.
Bei Phillip läuft das so: Patrizia weiß genau, wie der Abend abläuft. Was sie sagen wird, Wann sie wie lächeln muss. Er stellt keine unbequemen Fragen, auf die sie keine hübsche Antwort hat. Er ist ein Gentleman, er ist verlässlich. Aber es fühlt sich alles an wie ein Skript.
Aber, wird irgendwann der Punkt kommen, an dem sie sich fragt: Zeigt sie sich bei ihm deshalb nicht, weil sie es nicht kann? Oder weil sie gar nicht wissen will, ob er das Risiko eingehen würde, hinter ihre Fassade zu blicken?
Er schaut einfach hin. Das reicht schon.
Jamie ist da ein anderes Kaliber. Er spürt sofort, ob Patrizia echt ist oder nur ihre Rolle spielt.
Bei ihm gibt es kein Drehbuch, an dem man sich entlang hangeln kann, dass den Abend vorhersehbar macht. Er schaut einfach hin. Er sieht Patrizia.
Und das macht ihr Angst. Nicht er ist das Problem, sondern die Tatsache, dass sie bei ihm ihre Schutzschilde nicht mehr hochfahren kann. Sie lächelt ihn an, um ihre Unsicherheit zu überspielen, aber sie weiß: Er weiß längst, was hinter dem Schutzschild passiert. Er will keine Rolle. Er will sie.
Gesehen werden, ohne es kontrollieren zu können
Nähe macht wahrscheinlich meistens nicht deshalb Angst, weil sie weh tun könnte. Sie macht Angst, weil man bei jemandem, der wirklich hinsieht, einfach nicht mehr so tun kann als ob.
Wenn man wirklich gesehen wird, mit all dem, was man sonst mühsam unter den Teppich kehrt, ist man dann noch sicher? Oder liefert man sich völlig aus?
Dass Jamie genau hinsieht, wo es weh tut, ist kein Fehler. Es ist die einzige Chance, die man bekommt, wenn man endlich damit aufhören will, sich selbst und anderen etwas vorzuspielen.
Was ich beim Schreiben immer wieder merke
Beim Schreiben merke ich immer wieder: Die Figuren, die mich nicht mehr loslassen, sind nicht die, die alles im Griff haben. Es sind die, die Angst haben und trotzdem weitermachen. Nicht weil sie so heldenhaft sind, sondern weil sie irgendwann kapiert haben, dass Kontrolle am Ende gar nichts schützt.
Geht es eigentlich wirklich darum, ob man jemandem vertrauen kann? Oder darum, ob man sich selbst traut, wenn jemand wirklich hinschaut?
Wenn dich jemand wirklich ansieht, macht dir das auch erstmal Angst?




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