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Wenn Figuren Mist bauen: Warum ich Patrizia und Jamie in "SoCal Love" ins Chaos stürzen muss

Autorenbild: Vianna Gardener
Vianna Gardener
24. Juni
3 Min. Lesezeit

Es gibt diesen einen Satz unter Autoren, den man reflexartig nickend bestätigt: Eine Geschichte braucht Konflikt. Aber was bedeutet das eigentlich, wenn man nachts um drei vor dem Bildschirm sitzt und das Schicksal von Menschen verwaltet, die einem ans Herz gewachsen sind?


Beim Schreiben meines neuen Liebesromans SoCal Love, der in den extremen Kontrasten von Los Angeles spielt, stand ich genau an diesem Punkt. Und ich musste mir eine unbequeme Wahrheit eingestehen: Ich war am Anfang viel zu nett zu meinen Figuren.


Zwischen Handwerk und Mitleid


Wenn man sich ein bisschen mit dem Thema Schreiben auseinandersetzt und den ein oder anderen Schreibratgeber liest, stößt man schnell auf das Credo: Figuren dürfen nicht glatt sein, sie brauchen Ecken, Kanten und Brüche, um überhaupt echt zu wirken. Perfekte Menschen, die immer die richtige Abbiegung nehmen, sind im echten Leben anstrengend genug, aber im Roman sind sie der absolute Tod für jede Spannung.


Die Theorie ist also klar. Das Problem fängt an, sobald man wirklich mitten drin steckt, mit Figuren, die sich über Monate wie echte Freunde anfühlen.


Da fragt man sich plötzlich ganz unprofessionell: Wie weit gehe ich? Wie viel Chaos mute ich ihnen zu, und wie sehr lasse ich sie eigentlich leiden? Manchmal tut es schon beim Tippen weh, weil man genau weiß, dass man ihnen jetzt die weichen Kissen wegziehen muss, damit die Geschichte die nötige Tiefe bekommt. Man lässt sie sehenden Auges in Katastrophen rennen, bei denen man im echten Leben sofort die Notbremse ziehen würde.


Patrizia: Bloß keine Fehler machen


Patrizia ist so eine Figur, bei der ich beim Schreiben manchmal den Atem anhalten musste. Sie hat schon früh von ihrer Mutter gelernt, sich immer anzupassen. Immer schön nett sein, immer gefallen, bloß keine Fehler machen in der besseren Gesellschaft.

Und genau dieses Programm spult sie jetzt in Los Angeles ab. Sobald sie mit Phillip in seiner Welt unterwegs ist, funktioniert das wunderbar. Sie macht genau das, was von ihr verlangt wird. Das Problem ist nur: Sie nimmt diese Taktik mit in Situationen, in denen sie eigentlich laut schreien müsste. Sie trifft im Laufe der Geschichte Entscheidungen, bei denen man als Leserin wahrscheinlich aufstöhnen und sie am liebsten an den Schultern packen möchte. Sie bleibt stumm, wo Ehrlichkeit einiges retten würde, und läuft sehenden Auges in Dinge, die ihr absolut nicht guttun. Weil die Angst, anzuecken, gelernt und verdammt tief eingebrannt ist.


Jamie: Wenn Sprüche zum Schutzwall werden


Und dann ist da Jamie. Er ist das genaue Gegenteil von einem makellosen Helden. Jamie ist stur, er ist verletzt und er hat eine ganz eigene Art, mit dem Chaos in seinem Leben umzugehen: Er überspielt es.


Mit einem lockeren Ton, schnellen Sprüchen und diesem schelmischen Grinsen, das alles abperlen lässt. Wenn es hart auf hart kommt, zieht er sich zurück. Er haut Sätze raus, die eine Distanz schaffen, die er eigentlich gar nicht will, und damit aber genau die Menschen verletzt, die ihm eigentlich am Nächsten sind. Es ist eine Fehlentscheidung nach der anderen, geboren aus dem tiefen Bedrüfnis, sich bloß nicht angreifbar zu machen.



Warum das Chaos den Weg frei macht


Ich lasse Patrizia und Jamie nicht stolpern, um billiges Drama zu erzeugen. Ich lasse sie leiden, weil erst durch den Schmerz die Masken Risse bekommen. Wenn alles glatt läuft, bleibt man in seiner Komfortzone sitzen. Erst wenn die bisherigen Strategien komplett versagen und das Leben so richtig wehtut, ist man gezwungen, sich zu verändern.


Für mich entstehen echte literarische Freundschaften genau in diesen Momenten des Scheiterns. Eine Figur wird dann zur echten Weggefährtin, wenn sie eine falsche Abbiegung nimmt, man auf der Couch sitzt, mitleidet und merkt: Sie weiß gerade genauso wenig weiter wie ich manchmal. Es ist das geteilte Chaos, das uns verbindet.


Und, oh Gott ja! Ich habe neulich erst ein Buch fast durchs Zimmer geworfen, weil die Protagonistin so blind war.


Was macht für dich eine Romanfigur zu jemandem, den du nach der letzten Seite schmerzlich vermisst?


Sind es die großen, die glitzernden Momente oder die Augenblicke, in denen sie einfach nur menschlich und fehlerhaft sind?





 
 
 

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