Schuld wegwaschen: Warum Jamies Auto blitzsauber ist
Ich habe die Auto-Szene für SoCal Love geschrieben, weil mir die Idee von Jamies uralter, aber blitzsauberer Karre einfach gefallen hat. Ganz ohne Hintergedanken.
Patrizia steigt zum ersten Mal in Jamies Auto. Okay, in seine klapprige Karre. Abgenutzt von außen, aber innen überaus reinlich. Es duftet frisch geputzt und nach ihm. Keine alten Pappbecher, keine Getränkedosen, nirgendwo Kaugummipapier oder Krümel vom letzten Snack. Selbst der gehegte SUV von Patrizias Vater wirkt daneben fast vernachlässigt.
Beim Schreiben dachte ich mir nicht viel dabei. Das passt zu ihm, dachte ich nur. Jamie hat alles im Griff. Genau das denkt auch Patrizia in diesem Moment.
Erst beim zweiten Durchgang ist mir aufgefallen, was ich mir da eigentlich gebaut hatte. Jamie hat lange auf der Straße gelebt. Im Dreck, im wahrsten Sinne. Um zu überleben, hat er Dinge getan, für die er sich bis heute schämt. Ein tief sitzendes Schuldgefühl, das ihn nicht loslässt. Vielleicht ist dieses übertrieben saubere Auto sein täglicher Versuch zu beweisen, dass er es geschafft hat, rein zu werden. Innen wie außen.
Der Blick unter die Oberfläche
Ich wollte verstehen, was ich da instinktiv zu Papier gebracht hatte, und habe etwas recherchiert. Dabei bin ich über den sogenannten Macbeth-Effekt gestolpert. Benannt nach Lady Macbeth, die sich symbolisch die Hände wund wäscht, um eine unsichtbare Schuld loszuwerden. Ein kleiner Blick ins Psychologie-Lexikon, ich verspreche, es dauert nicht lang: In der Psychologie beschreibt dieser Effekt das Phänomen, dass körperliche Reinigung oder penibles Saubermachen ein inneres Schuldgefühl spürbar lindern kann.
Bei Jamie ist es wohl genau das. Er hält sich für schmutzig. Für das, was er tun musste, glaubt er bis heute, dass etwas an ihm falsch ist. So ein Schuldgefühl lässt sich nicht einfach wegwischen. Aber man kann versuchen, im Außen die Kontrolle zu behalten. Kontrollzwang nennt man das wohl, wenn's ganz genau sein soll. Ordentlich sein. Nichts übersehen. Kein einziger Krümel.
Dass Jamie auf der Straße gelebt hat, wußte ich von Anfang an. Ich wußte nur noch nicht, dass sein Auto davon erzählen würde.
Warum die Szene genau so bleiben musste
Ich hätte die Szene ändern können. Hätte Patrizia denken lassen können: Komisch, wie steril das hier ist, fast schon auffällig. Immerhin ist sie Krankenschwester, hat einen geschulten Blick für Menschen und das, was sie lieber verstecken.
Aber ich habe es gelassen. Patrizia soll ihn in diesem Moment einfach nur beobachten und diese überraschende Reinlichkeit bewundern. Durchschauen muss sie ihn nicht. Es ist viel schöner, wenn wir als Leserinnen oder Leser den Figuren einen Schritt voraus sind und spüren, dass unter dieser perfekten Oberfläche etwas leise vibriert.
Vielleicht ist das sowieso das Faszinierende an Nebensächlichkeiten: Ein altes, aber maklos cleanes Auto, eine kleine Angewohnheit, etwas scheinbar Beiläufiges. Und trotzdem verrät es manchmal mehr über einen Menschen, seine Narben und seine Geschichte als ein ganzes Gespräch.
Ist dir das auch schon aufgefallen, dass eine Kleinigkeit an jemandem, die dir eigentlich kaum ins Auge gefallen ist, im Nachhinein ziemlich genau zu seinem Charakter passt?




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