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Das Leben auf der Schwelle

Autorenbild: Vianna Gardener
Vianna Gardener
25. Apr.
2 Min. Lesezeit

Lange Zeit dachte ich, Wege müssten immer von A nach B führen. Dass es einen klaren Moment gibt, in dem man die Tür hinter sich zuzieht und eine neue öffnet. Dass man "ankommt".


Aber in letzter Zeit fühlt es sich eher so an, als würde ich auf einer Schwelle stehen. Nicht mehr ganz hier, noch nicht ganz dort.



Wenn der Schlüssel noch passt, aber das Schloss sich fremd anfühlt.

Vielleicht kennst du das auch. Du sitzt in der Küche, in der du aufgewachsen bist. Der Geruch nach Kaffee ist der selbe wie vor zwanzig Jahren, die Sätze der Familie sind vertraut.

Alles fühlt sich warm an, aber eben auch ein bisschen ausgenudelt.


Du merkst, dass du die Welt da draußen gesehen hast und dass deine Fragen inzwischen größer sind als dieser Tisch. Du hast den Schlüssel noch, der passt auch noch ins Schloss, aber du willst ihn gar nicht mehr umdrehen.


Touristin in der neuen Welt

Und dann ist da die andere Seite. Die Welt, in die du vielleicht durch die Liebe zu einem Menschen hingeraten bist. Du beobachtest die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen dort über ihre Themen sprechen, ihre Codes, ihre Sicherheit. Du liebst diesen Menschen, du gehörst zu ihm, aber du gehörst noch nicht in seine Welt. Du stehst im Flur, behältst die Jacke an und fühlst dich wie eine Touristin ohne Rückfahrtticket.



Das Warten im Nebel

Dieses Dazwischen sein ist kein Fehler. Es ist kein Zeichen dafür, dass du dich nicht entscheiden kannst oder dass etwas nicht stimmt. Es ist eine stille, eigentümliche Einsamkeit, als würde man auf einer Brücke leben und darauf warten, dass der Nebel sich lichtet.


Wir verwenden oft so viel Kraft darauf, so zu tun, als hätten wir alles im Griff, als wüßten wir genau, wo wir hingehören. Dabei liegt das echte Wachstum vielleicht genau hier: in der Fähigkeit auf der Schwelle stehen zu bleiben, ohne sofort nach der nächsten Tür zu greifen.



Mut zum Unfertigen

Verletzlichkeit bedeutet für mich auch, zuzugeben, dass man gerade heimatlos ist. Dass man nicht mehr "mehr" werden muss, um geliebt zu werden, sondern einfach da sein darf, mit allen Rissen und Fragen.


Vielleicht ist dieses Dazwischen sein kein Zustand, den man beenden muss, sondern ein Raum, der uns weitet. Ein Ort, an dem wir lernen, wer wir sind, wenn uns keine Welt mehr festlegt.


Und du? Wo stehst du gerade auf einer Schwelle, an der du die Jacke noch nicht ausgezogen hast?



 
 
 

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